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un(d)getrennt - Eltern bleiben trotz Trennung

un(d)getrennt - Eltern bleiben trotz Trennung

. 6 minuten gelesen

Von romantischen Plänen und heimlich brodelnden Bedürfnissen

Zum Zeitpunkt unserer Hochzeit war ich im sechsten Monat schwanger. Ich hatte einen romantischen Plan im Kopf und meine Zukunft ziemlich genau vor Augen: In drei Monaten würde unser Sohn geboren werden und aus uns eine perfekte Familie machen, sodass drei vielleicht auch vier Jahre später dann das zweite Baby folgen könnte. „Toller Plan!“, dachte ich hormonbeseelt, wobei diese Vorstellung meiner Zukunft nicht nur an den Hormonen lag, davon bin ich auch rückblickend überzeugt. In diesem Moment fühlte sich einfach alles absolut richtig an: Dies war der Mann mit dem ich alt werden wollen würde.

Unser Sohn kam zur Welt und wir entwickelten uns mit ihm gemeinsam weiter. Als Eltern zogen wir dabei stets an einem Strang und waren uns von Beginn an einig, dass das bindungs- und bedürfnisorientiere Miteinander in unserem Alltag als Familie oberste Priorität haben sollte. Bestandteile wie das Familienbett, das Stillen nach Bedarf und das Tragen unseres Sohnes waren für uns beide völlig selbstverständlich und niemand von uns fühlte sich damit unwohl. Als unser Sohn ein halbes Jahr alt war, folgte der Umzug in ein größeres Zuhause, das uns als kleine Familie das ideale Nest bieten sollte. Ein Haus zur Miete im ruhigen Vorort der trubeligen Großstadt. Garten. Viel Grün. Ein romantisches Familienidyll eben…

Der Traum von der perfekten Familie

Unser Sohn wurde älter und besuchte inzwischen die Kita. Wir arbeiteten beide in festen Jobs (wobei mein Mann unsagbar viele Überstunden machte…) und hatten einen routinierten aber irgendwie auch ziemlich eintönigen Alltag. Aufstehen, fertigmachen, Kind zur Kita bringen, arbeiten, einkaufen, Kind von der Kita abholen, Spielplatz, Spielgruppe oder Verabredung zum Spielen, nach Hause fahren, Abendessen, Kind in den Schlaf begleiten, fernsehen oder lesen auf dem Sofa, dabei einschlafen, ins Bett umziehen, weiterschlafen... Dazwischen gequetscht wurden dann noch der Haushalt und die Termine, die im Alltag mit Kind halt so anfallen. Und ja, so langweilig wie es sich liest, war es auch. Meine Highlights bestanden aus lackierten Nägeln oder einer Frühstücksverabredung am Wochenende mit Freundinnen alle paar Wochen. Paarzeit gab es so gut wie gar keine und Sex sowieso nicht.

An vielen Abenden blieb ich auch einfach direkt bei meinem Sohn liegen und schlief mit ihm zusammen ein. Tat ich das nicht, lag ich oft noch einen Moment neben ihm und dachte nach. Mit der aufkommenden Ruhe nach den nahezu mechanisch abgearbeiteten Programmpunkten des Tages, überkam mich in diesen Momenten oft eine innere Leere. Fühlte ich in mich hinein, spürte ich da ein Loch. Zwar schenkte mir meine Mutterschaft viel innere Ruhe und Akzeptanz - durch sie schloss ich zum Beispiel nach vielen Jahren Kampf endlich Frieden mit meinem Körper und dachte nicht mehr so viel darüber nach, was wohl andere über mich oder ihn denken könnten - doch trotzdem fühlte ich mich in vielen Momenten weit weg von mir selbst. Abgesehen von meiner durchaus erfüllenden Rolle und Aufgabe als Mama schien ich nicht mehr zu wissen wer ich war und was mich als Frau eigentlich definierte. Es fühlte sich für mich an, als kreise sich mein gesamtes Leben ausschließlich um mein Mamadasein, den damit verknüpften Alltag und dessen Organisation. Ich, als „eigenständige Person“, nicht als Mama, hatte mich selbst jedoch irgendwo dazwischen verloren.

Unerwartete Erkenntnisse

Als unser Sohn 2,5 Jahre alt war, absolvierte ich eine externe Weiterbildung in einer anderen Stadt und war somit das erste Mal seit der Geburt für ein paar Tage am Stück getrennt von ihm und meinem Mann. Rückblickend veränderte diese Woche völlig unerwartet sehr viel, denn ich hatte seit langem mal wieder Zeit für mich und damit auch die Möglichkeit „nur ich“ zu sein. Ich, Kira, nicht ich, Mama. Dessen war ich mir vorher überhaupt nicht bewusst. Ich verabschiedete mich am Montagmorgen bei meinem Sohn und meinem Mann und dachte, dass ich am Freitagabend einfach wieder nach Hause käme und dort weitermachen würde, wo ich aufgehört hatte.

Bei der Weiterbildung war ich natürlich einerseits durch den vielen Wissensinput gedanklich sehr beschäftigt, andererseits aber ließ die Zeit zwischen den einzelnen Workshops auch Freiraum für mich zu. In den Pausen schlenderte ich gedankenverloren durch kleine Geschäfte oder setzte mich während eines Spaziergangs mit einem Kaffee auf eine Parkbank, wann immer ICH es wollte. Ich agierte seit langer Zeit mal wieder selbstbestimmt und war gedanklich völlig losgelöst von meiner Mutterrolle, die die letzten Jahre mich und meinen Alltag bestimmte. Frei von den alltäglichen Verpflichtungen, den langen To-Do-Listen und allem was dazu gehörte. Ich dachte viel nach und genoss die Zeit, versackte bei langen Gesprächen mit den anderen Teilnehmern der Weiterbildung am Abend in der Hotelbar, ging seit Jahren sogar mal wieder tanzen und wurde dort tatsächlich von einem ziemlich attraktiven Mann angesprochen und nach meiner Telefonnummer gefragt. Bitte was? Ich? Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Natürlich gab ich meine Telefonnummer nicht raus, ließ mich aber darauf ein etwas mit ihm zu flirten und fühlte mich natürlich unheimlich geschmeichelt.

Wieder im Hotel angekommen ließ ich mich mit vom Tanzen schmerzenden Füßen aufs Bett fallen und starrte Löcher in die perfekt verputzte Zimmerdecke. Dass ich als Frau begehrenswert und attraktiv auf einen Mann wirkte, war für mich, seitdem ich Mutter war, völlig neu und mit einem Mal wurde mir klar, dass mir etwas in meiner Beziehung fehlte. Ich vermisste das Gefühl begehrt zu werden. Vermisste das Knistern und sexuelle Anziehung. Mir wurde bewusst, dass mein Mann und ich nur noch parallel nebeneinander lebten und ich eigentlich gar nicht so glücklich war, wie ich bisher annahm. Rückblickend kann ich nicht sagen, was genau diese Gedanken so plötzlich zuließ, vermutlich war es aber eine Mischung aus Ruhe, Zeit für mich allein und einer gewissen Bestätigung von außen, die ein bereits lange vorhandenes, aber für mich bisher nicht greifbares, Gefühl an die Oberfläche brachte.

Dann begann das Gedankenkarussell sich zu drehen

Nach dieser Woche trug ich diese Erkenntnisse eine ganze Weile mit mir herum und war mir irgendwie auch sicher, dass diese Bedürfnisse mit etwas Abstand auch wieder kleiner werden würden. Doch so war es nicht. Meine Gedanken überschlugen sich und im Alltag gelang es mir kaum, diese zu sortieren und konstruktiv zu betrachten. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre mal wieder jemanden leidenschaftlich zu küssen oder auch Sex zu haben. Da mein Mann jedoch nie Teil dieser Vorstellung war, weinte ich sehr viel und fühlte mich unglaublich schlecht. Geplagt von Vorwürfen, fühlte es sich fast so an, als würde ich ihn hintergehen. Ich plante wie wild Gespräche mit meinem Mann, in denen ich ihm das alles beichten würde und, ja, ich dachte tatsächlich auch darüber nach wie es wohl wäre, wenn ich mich trennte. „Spinnst du, Kira! Du kannst dich doch nicht trennen! Was fällt dir ein überhaupt darüber nachzudenken?!“, ermahnte ich mich innerlich selbst und vertrieb den Gedankengang reumütig aus meinem Kopf. Und während sich mein Gedankenkarussell immer schneller drehte, passierte etwas, das sich eigentlich schon über die letzten Monate angebahnt hatte: Mein Mann erkrankte an einem Burn-Out, zog die Reißleine und war insgesamt für ein Dreivierteljahr krankgeschrieben. Mir war in diesem Zusammenhang völlig klar, dass ich in dieser für uns ohnehin belastenden Situation nicht auch noch eine weitere Baustelle aufmachen würde, indem ich von meinen unerfüllten sexuellen Bedürfnissen erzählte.

Neben der langsamen Heilung durch den nicht mehr vorhandenen beruflich bedingten Stress und seiner Präsenz zuhause, sprachen mein Mann und ich seit langer Zeit nun wieder mehr miteinander. Natürlich haben wir uns auch vorher immer irgendwie unterhalten, aber es handelte sich dabei in der Regel um einen oberflächlichen Austausch als um tiefgründige Dialoge. In der Zeit seiner Krankschreibung rückten wir dadurch als Paar tatsächlich emotional wieder etwas näher zusammen. Als Eltern waren wir nach wie vor ein gutes Team. Meine Zweifel an unserer Beziehung, meine innere Leere und Sehnsucht blieben jedoch bestehen.

Da war einfach mehr in mir und das wurde mir immer klarer. Es wurde ein Stein ins Rollen gebracht, den ich nicht mehr aufhalten konnte. Mir wurde bewusst, dass mich das Leben, welches ich mir noch vor ein paar Jahren als absolute Erfüllung vorgestellt hatte, bei weitem nicht die erwartete Erfüllung brachte und das musste ich erst einmal verdauen.

Kira ist Mama eines Sohnes und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Getrennt, aber zusammen.

Im Magazin der starken Mütter gibt sie in ihrer Kolumne un(d)getrennt ehrliche Einblicke in ihren Alltag als „allein-zusammen-erziehend-getrennt-lebende“ Familie und berichtet von ihrem Weg der friedvollen Trennung und Neuorganisation als Nachtrennungsfamilie. Dabei erzählt sie ungeschönt und offen von den Stolpersteinen und ihrem Zugewinn durch die Trennung, ohne ein übergreifendes Plädoyer für die Trennung einer Beziehung zu schaffen. Vielmehr möchte sie durch ihre Beschreibungen Mamas dabei ermutigen, sich für individuelle Wege zu öffnen und als Mama die Augen vor den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen nicht zu verschließen.

Mehr von ihr kannst du auch auf ihrem Instagramaccount herzhoehe lesen.